An mich selbst

Ich schaffe das. Ich bin wunderbar, einzigartig in all meinen Eigenschaften. So jemanden wie mich gibt es kein zweites Mal. Und ich bin toll, mit allen Ecken und Kanten. An mir ist nichts verkehrt.

Ich lasse mich nicht länger klein machen von anderen. Ich trenne mich von dem, was mir nicht gut tut, denn tief in mir drin weiß ich, dass ich mich nicht verstecken brauche. Ich muss mich hüten vor den Leuten, die mich weiterhin klein machen wollen, damit sie sich selbst aufwerten.

ICH bin der Maßstab. Ich bestimme ganz allein, was richtig ist und was falsch, was gut ist und was schlecht. Und ich habe mich entschlossen, mich selbst zu mögen. Ich muss stark sein, weil das Konsequenzen haben wird, vielleicht wird mein Weg auch etwas einsam, weil nicht alle damit klarkommen werden, dass ich nicht mehr bereitwillig das Opfer, den Buhmann geben werde.

Ich habe was auf dem Kasten, ich bin talentiert, ich sehe ganz gut aus, ich bin wer. Ich habe eine eigene Stimme. Und die werde ich nutzen. Die Zeiten, in denen ich den Mund halte, weil ich Angst habe, dass man mich ablehnt, weil ich konträrer Meinung bin, die sind vorbei.

Wie andere das sehen

Mein wunder Punkt. Immer schon hat es mich viel zu sehr gejuckt, was andere wohl denken mögen. Der Gedanke, dass jemand schlecht von mir denken könne, hat mich auch früher schon halb um den Verstand gebracht. Mein Mann hat gleich zu Anfang unserer Beziehung angesichts meines Wandtattoos „Gibt jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden“ geunkt, dass ich da besser hingeklebt hätte:

WAS ANDERE ÜBER MICH DENKEN, GEHT MIR AM ARSCH VORBEI.

Wenn das so einfach wäre. Vielleicht hätte ich dann gar nicht ein so großes Problem. Und dann hätte es mich auf gar keinen Fall so arg getroffen, von meinem Bruder zu hören, dass er mich nicht versteht und nicht nachvollziehen kann, was mit mir los ist und dass ich es mir vor allem zu einfach machen würde, die Ursachen hierfür in meiner Kindheit zu suchen. Nun ja, mit der Aussage macht er es sich auch sehr einfach. Zum einen wurde bei uns daheim mit mehrerlei Maß gemessen. Und nur weil er nicht mein Problem hat, hat er zig andere. Ich war nur zu feige, es ihm ins Gesicht zu sagen. Mal wieder. Und auch laut auszusprechen, worüber in unserer Familie sonst keiner spricht, nämlich dass unser beider Bruder sicherlich nicht ein feines Drogenproblem gehabt hätte, wenn bei ihm alles richtig gelaufen wäre.

Trotzdem – es war ein Schlag in die Fresse. Auch dass er meinte, dass es oft so rüberkäme, als habe ich einfach nur keine Lust, mich am Familienleben zu beteiligen. Habe ich auch nicht. Hergottnochmal, warum hört mir denn auch keiner zu, wenn ich mich mal traue, offen auszusprechen, was mich bewegt? Für mich ist es hochgradig anstrengend, mich länger als eine Stunde der „Familienidylle“ auszusetzen, wo wir alle so tun, als hätten wir uns lieb, wo ich mich verstellen muss, weil ich wieder das schwarze Schaf bin, sobald der Eindruck entsteht, mir würde es mal wieder nicht gut gehen. Der Satz „Das wirkt, als möchtest du Aufmerksamkeit“ ist ja schließlich auch schon gefallen. Es ist für mich ein Kampf, mich lieblich lächelnd dahin zu setzen, die Kinder zu besaßen, die Spiele nach selbst erfundenen Regeln zu spielen und die einen dann auch noch augenverdrehend anstöhnen mit den Worten „Boah, bist du blöd, verstehst du das nicht?“ Ich möchte einfach nicht. Aber vor allem möchte ich nicht zugeben, dass mich nicht nur meine Geschwister und deren angeheiratete Partner einschüchtern mit all ihren tollen Lebensweisheiten und dem Unverständnis darüber, wie die Maya so verkorkst sein kann, nein, auch die Kinder bereiten mir großes Unbehagen. Ich habe das Gefühl, dass mir selbst die Kinder verbal den Todesstoß verpassen können. Man stelle sich das mal vor, wenn die wüssten, dass ich Angst vor einem Achtjährigen habe!

Ach ja. Und meine Freunde. Meine Freunde sind auch schuld, meint mein Bruder. Ich umgebe mich mit Leuten, die nicht weit oben genug auf der Leiter der sozialen Hierarchie stehen. Das ist eine Frechheit. Meine Freunde sind wahnsinnig toll und helfen mir unheimlich. Und die Selektion an Freunden, die ich habe, ist genau richtig. Mir ist es nicht wichtig, ob jemand 60.000 im Jahr verdient oder in einer Wohnung mit Wohnberechtigungsschein wohnt. Ich hätte lachen müssen. Lachen, weil das von jemandem kommt, der sich dank Heirat in ein hübsches Nest setzen konnte. Und lachen, weil er glaubt, keine Macke zu haben.

Jetzt – einige Tage später – bin ich nicht mehr schamesrot und beschämt, weil er mich für so schwach hält und mich kritisiert hat. Ich bin wütend. Das Einzige, wo er wohl Recht hat, ist die Tatsache, dass man als Außenstehender bei mir nicht wirklich eine Entwicklung sieht. Mir geht es immer mal wieder sehr schlecht, ich ziehe mich zurück, ich flüchte, ich denke, ich habe es im Griff. Und dann passiert das Gleiche wieder, als hätte ich rein gar nichts daraus gelernt. Und das wurmt mich selbst, aber ich erkenne es immer zu spät, dass ich es hätte anders machen können und sollen. Er sagt, man könnte glauben, ich gefalle mir in meiner Opferrolle. Wenn das für mich alles so verdammt einfach wäre, dann wäre ich jetzt wohl nicht krank.

Trotzdem:

Ich glaube, ich muss es einfach mal für mich aufschreiben.

Ich mag mich. So wie ich bin. Mit allen kleinen Fehlern. Ich habe nichts falsch gemacht. Auch früher nicht. Das ich so geworden bin, war eine Überlebensstrategie und die hatte ihre Berechtigung. Ich mag mich, weil ich in dieser Kombination mit allen positiven Eigenschaften und Talenten einzigartig bin. Weil ich es immer alleine geschafft habe.

Und auch wenn man glauben könnte, es bewegt sich bei mir nicht viel – doch das tut es! In meinem Tempo. Und ich schaffe das. Ich schaffe es heraus aus der unendlichen Leere, der Traurigkeit, der ständigen Angst, dem Horror vor Konflikten und den ständigen Grübeleien darüber, was andere über mich denken.

 

 

 

Sirupschwere Angst!

Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht schon eine große Baustelle… aber nun hat sich noch ein ganzes Fußballfeld an Trümmern dazu gesellt. Und das Schlimmste ist – ich weiß nicht einmal wirklich, ob es real existiert oder nur Bestandteil meiner Angststörung ist.

Meine Ehe… meine Ehe macht mir Sorgen. Ich befürchte, dass mein Mann nicht wirklich mit meinem derzeitigen Zustand zurecht kommt. Er wirkt distanziert, abwesend, wenig liebevoll. Darauf angesprochen, reagiert er allerdings, als sei rein gar nichts. Ich weiß, dass er sehr viel Stress hat und vermutlich meint, ich könne daheim keinen Stress haben und dass ich vermutlich nur den ganzen Tag darauf warte, dass er heim kommt und mich bespaßt.

Ja, ich warte tatsächlich auf seine Heimkehr, habe meist etwas zu Essen parat, frage wie sein Tag war… aber es kommt so rein gar nichts. Er geht alleine vor die Türe zum Rauchen und wenn ich mich dazu geselle, wartet er auch nicht, bis ich fertig bin, sondern geht schon vorher wieder rein. Es ist eine ganze Ansammlung von Kleinigkeiten. Aber ich fühle mich richtig schlecht, kann kaum atmen, habe ununterbrochen Bauchschmerzen und nervösen Dünnpfiff.

Ich möchte, dass alles in Ordnung ist, ich möchte das nicht alles wegwerfen. Ich habe Angst, dass er es tut. Der Therapeut sagt, Frauen, die das denken, haben meist selbst einen unterdrückten Trennungswunsch. Ist das so? Ich kann mit diesem Mann, der mich die meiste Zeit nicht mehr beachtet, tatsächlich nicht gut umgehen, ich merke, wie ich mich regelrecht anbiedere und Angst habe, mich selbst auch zu distanzieren. Ich hasse es, wie ich um Liebe bettele, ich hasse es aber auch, wenn ich mein eigenes Programm gestalte, um nicht in seiner Nähe darauf zu warten, dass er mich küsst oder in den Arm nimmt.

Ich soll ihm nicht erzählen, was in der Therapie besprochen wird. Tatsächlich glaubt der Therapeut sogar, dass er nicht gut damit zurecht kommen wird, wenn ich mich verändere und gestärkt aus dem ganzen hervorgehe, dabei war er doch derjenige, der mich zu dem Schritt ermutigt hat. Die Stimme in meinem Kopf sagt, dass ich aber doch gerade mit meinem Mann reden muss, was mich beschäftigt. Aber vielleicht war es auch einmal zu viel. Vielleicht will er nicht hören, dass es mir immer nur schlecht geht. Vielleicht verdreht er die Augen, wen er sieht, dass ich den ganzen Nachmittag nichts anderes gemacht habe, als ein ausgesprochen hässliches Bild „Malen nach Zahlen“ gefüllt habe. Vielleicht ist er angewidert, weil ich ihn nicht begrüße mit „Hey, ich hatte einen geilen Tag, ich habe zwanzig Bewerbungen versendet, ich weiß endlich, was ich möchte.“ Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.

Ist es war, was ich denke? Oder ist das nur der blöde von mir antrainierte Denker, der mir wieder einredet, dass ich nicht liebenswert genug bin? Ein ganz beschissener Teufelskreis, wenn ich das mal so sagen darf.

Bleischwere Leichtigkeit…

Alter Schwede! Das muss ich erst einmal sacken lassen… Da hat der Therapeut doch gerade eben einfach mal in einem Nebensatz angemerkt, dass ich schon leichte, bipolare Tendenzen habe… dass ich wahnsinnig schnell euphorisiert bin, in Aktionsdrang verfalle, kreativ bin – nur um dann abzustürzen… dass ich in beiden Phasen keinerlei Impulskontrolle besitze…

Ich habe mich regelrecht ertappt gefühlt. Und ich weigere mich, darüber etwas zu lesen, denn es klingt drohend und unheilbringend. Bipolare Störung… das haben doch eigentlich nur Leute, die wirklich, wirklich einen an der Waffel haben. Aber ich nicht ich!

Meine Millionen Ideen und dass ich ständig voller blindem Aktionismus neue Hobbies habe und anfange und plötzlich die Ernüchterung kommt und mir alles nur noch lästig ist und ich mich in der Situation bedroht und gefangen fühle – ja, das muss andere Gründe haben oder?

Es gibt dafür viele Beispiele. Und unzählige allein in der allerjüngsten Vergangenheit, in der ich mich ja krampfhaft bemühe, eine Lösung für mein Dilemma zu finden, in der ich heute Yoga mache, morgen singe und übermorgen einen Kopfstand mit Tröte im Mund, wenn ich gelesen haben werde, dass das helfen soll… Und in diesem Aktionismus kaufe ich mir dann drei Yogahosen, trete einer Band bei und übe Kopfstand, bis mir kotzübel ist, bis ich dann feststelle, dass ich es eigentlich lästig finde, immer diese Hose anzuziehen, dass ich ja auch regelmäßig mit der Band proben müsste und dass ich auf dem Kopf stehend irgendwie fett aussehe. Ich finde das Haar in der Suppe. Grundsätzlich.

Meine Zukunft ist heute bunt und schillernd, weil ich eine tolle Idee habe. Und dann habe ich noch eine und noch eine. Und dann betrachte ich das Ganze plötzlich ernüchtert und der Kloß in meiner Kehle wächst und mit einem Mal denke ich, dass alles zu viel ist, dass ich damit nicht glücklich werde und mein Leben nie wieder schön werden kann. Und dann liege ich in meinem Bett und starre die Wand an, höre Hörbücher, um die Stimme in meinem Kopf nicht zu hören. Ja, das ist alles schon da gewesen. Immer wieder kommt es so.

Ich habe heute noch einmal um eine Reha gebeten und ich werde das nun durchziehen. Ich brauche eine Basis, ich möchte irgendwann ja auch planen können, will wissen, wie es (beruflich) weitergeht. Solange das stagniert, solange ich meinen Job nicht gekündigt habe, fällt es mir sehr schwer, hoch erhobenen Hauptes vor die Türe zu gehen. Dabei steht der Sommer vor der Türe und ich würde so unendlich gerne einfach mit einer Decke am See liegen und lesen, ein paar Städtereisen unternehmen, abends auf dem Marktplatz sitzen… Tja, und dann ist da gleich diese Stimme, die gehässig sagt: „Maya, merkste wat? Du willst gar nicht wieder arbeiten oder? Du willst einfach bis an dein Lebensende ein bisschen herumpimmeln, ein bisschen Schöngeistiges hier, ein bisschen Dolce Vita da…“

Und dann kommt sie wieder, meine Freundin, die Panik. Was ist, wenn das stimmt? Wenn ich einfach immer wieder einbrechen und nie wieder ein geregeltes Leben führen kann, weil ich tief in mir drin einfach nur ein elender Faulpelz bin?

Der Therapeut meint, ich solle mir einen Halbtagsjob suchen und mir meine Kraft aus meinem Hobby suchen, vielleicht auch studieren. Das würde ich gerne. Aber nicht, wenn ich zusätzlich auch noch arbeiten muss. Wir haben keinen Geld scheißenden Esel…

Der Therapeut meint auch, ich soll am Tonfeld arbeiten… ein bisschen Erde kneten, mich erden wortwörtlich. Und wisst ihr was? Es ist verdammt merkwürdig, dass ich Rotz und Wasser weinen möchte, wenn ich mir vorstelle, einen matschigen Klumpen Ton anzufassen und in Form zu bringen. Vielleicht weil ich mich gerade für diesen formlosen Klumpen halte, der erst wieder in Fasson gebracht werden muss. Und zwar von mir ganz alleine.

 

Pfff… da ist mir dann mal das Leben dazwischen gekommen…

… und hat mich aus der Bahn geworfen. WAAAS? Das geht noch? Der Boden unter meinen Füßen war ja schon weg.

Ja, tatsächlich. Schlimmer geht immer. Wenn nämlich das Problem, das andere Menschen in deinem engsten Umfeld haben, auch noch zu deinem wird. Und wenn man dir sogar dann die Schuld daran gibt, dass es anderen nicht gut geht.

Ich mag nicht zu viel sagen, denn es verhält sich ein bisschen wie bei Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“:

 

Ich kann hier, wer den Krug zerschlug, nicht melden,
Geheimnisse, die nicht mein Eigentum,
Müßt ich, dem Kruge völlig fremd, berühren.

Im Wesentlichen kann ich jedoch sagen, dass jemand, der mir sehr nahe steht, wenn nicht gar am Nächsten, ein erhebliches Suchtproblem hat und dies nicht erkennt, sogar verleugnet und behauptet, es läge an mir, weil ich so schwierig geworden sei mit meiner Jammerei.

Ich habe eine Angststörung, zu sagen, dass ich herumjammere, damit macht man es sich einfach. Klar jammere ich, immer und ständig, aber das liegt daran, dass ich eben nicht gesund bin. Es wäre schön, wenn die Person erkennen würde, dass das was sie tut, nicht normal und schon gar nicht gesund ist. Es macht mir Angst.

Meine Freundin sagt, ich solle mich nicht damit befassen, es lenke mich nur davon ab, bei mir selbst anzukommen. Ja, das sagt sich so leicht. Es betrifft mich auch. Und diese Baustelle wollte ich nicht auch noch haben.

Aber wisst ihr was? Jeden Morgen geht die Sonne auf. Cheerio, Leute, ich schaffe das!

Mein Mantra für heute!

Wer andere abgrenzt,

grenzt sich selber ein.

Wer andere schwach macht,

glaubt, nicht stark zu sein.

Ich mach mein Herz weit

und lass Leben rein,

weil ich dran glaube,

gut genug zu sein.

(c) Julia Engelmann

 

Wie geht es euch denn heute? Mich hat heute mal wieder – welch große Überraschung – der Bauchschmerz geweckt, es ist das gleiche dämliche Gefühl, wie wenn man glaubt, zu verschlafen. Dann hatte ich eigentlich einen wahnsinnig schönen Tag – bis hin zu der Panikattacke. Die kam just in dem Moment, als mir mein Mann eröffnete, dass wir gleich Besuch bekommen. Und schon war ich drin im – Achtung! – „Annahmensumpf“.

Dieses Wort habe ich gestern von einer wundervollen Bloggerin gelernt – wenn ich jetzt noch erfahre, wie ich sie hier verlinken kann, dann würde ich das gern tun. Ich habe mich völlig in meinen negativen Annahmen verstrickt, die sich fast alle darum drehten, dass ich es sicher nicht rechtzeitig schaffen würde, die Bude auf Vordermann zu bringen und dass unser Besuch dann denkt, hier wohnen die Hottentotten. Ich habe auch direkt stammelnd und heulend angefangen, überall gleichzeitig aufzuräumen. Ihr ahnt schon, dass das ein relativ unergiebiges Unterfangen ist!

Und jetzt? Besuch kommt in 20 Minuten. Es ist leidlich aufgeräumt, aber nicht staubgewischt. Mein Mann hat geholfen. Ich sitze in meinen Yogapants hier und bin nicht wirklich repräsentabel. So what?! Bestimmt geht die Welt davon gar nicht unter. Und wer weiß, ob unser Besuch sich überhaupt eine Meinung bildet und nicht vielleicht sogar denkt „Ich wünschte, bei mir sähe es aus wie bei denen!“ Ich bin gut genug, auch in Schlabberbux und mit Staub auf der Kommode!

Habt einen schönen Abend!

Maya

 

PS: Morgen erzähle ich euch dann von Diogenes und seinen Linsen!

 

Angst: Mut mit Ladehemmung

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich beim Aufwachen dachte, er wird in einer Katastrophe enden. Das schlimme Bauchgefühl weckte mich gegen 6:59 Uhr und dann lag ich apathisch in meiner Koje und hatte Angst vor den unglaublichsten Dingen… Dass ich meinen Leih- und Therapiehund heute nicht ins Auto bugsiert bekomme, dass der Hund sich nicht mit dem meiner Freundin verstehen könnte… nun ja, ehrlich gesagt, ist das ja dann das Problem der beiden Hunde oder etwa nicht? Und dann war da noch dieser Alptraum, in dem sich mein Mann von mir trennte, weil er mich gerade abscheulich findet und seine Neue gleich mal mit in unser heimisches Wohnzimmer brachte.

Die größte Hürde war jedoch der Termin beim Anwalt. Ich wollte ja eigentlich nur mal meine rechtlichen Möglichkeiten abklopfen, was darf ich, was darf ich nicht – und was darf mein Arbeitgeber. Und aus irgendeinem Grund hatte ich die Vorstellung, dass der Anwalt gleich Geräusche à la Louis de Funès von sich gibt, in die Hände spuckt und meinen Arbeitgeber verklagen möchte und ich das so hinnehmen muss und ich mal wieder die Kontrolle über eine Situation verliere.

Das ist natürlich nicht passiert. Ich möchte stark hoffen, dass sich mein Magen nun endlich entkrampfen kann und ich mich mal diesbezüglich beruhige. Das Gesetz ist auf meiner Seite. Ich muss da rein gar nichts. Es geht im Büro keinen etwas an, was ich habe. Das wusste ich zwar schon vorher, aber aus einem tiefen Schuldgefühl heraus glaubte ich, dass ich ja vielleicht doch Rechenschaft ablegen muss.

Muss ich nicht. Und verarmen werde ich auch nicht, das ist ja schon einmal ganz wichtig. Ich kann nun mal nach vorne schauen und aufhören, darüber nachzugrübeln, wofür man mir alles an den Karren pieseln könnte. Ich darf in Ruhe genesen und mir auch mal sagen, dass ich schon ganz schön weit gekommen bin. Es ist mutig, an den Punkt zu kommen, an dem man sagt „Ich schaffe das nicht mehr“ und sich Hilfe sucht. Die kleineren Ladehemmungen überwinde ich.

Das mit den Hunden hat übrigens auch perfekt geklappt. Ein in Fell gehülltes Träumchen sozusagen. Und das bei herrlichstem Wetter im Grünen. Danach waren alle Beteiligten kaputt wie der Todesstern.

Es ist nicht alles immer nur schlimm. Das Leben ist schön, ich verkompliziere es nur gelegentlich.

 

 

Es gehört Mut dazu, sich seiner Angst zu stellen und sie auszuhalten

Aushalten… ja, das geht tatsächlich sogar sehr gut. So gut sogar, dass es Ewigkeiten dauert, bis man merkt, was mit einem los ist und man es schafft, immer noch einen weiteren Tag durchzuhalten. So gut, dass bisweilen der Körper einem einen Warnschuss vor den Bug knallt. Und noch einen. Wenn man so gestrickt ist wie ich, meint man selbst dann noch, dass man nicht schlapp machen darf und weiter funktionieren muss.

Da ist dieses Stimmchen in dir, das leise flüstert „Das geht nicht mehr lange gut mit dir.“ Aber wer will das schon hören? Ich war jahrelang geübt darin, auf diese Stimme gar nicht erst zu hören. Denn wenn man sie einmal zulässt, dann muss man sich ja eingestehen, dass man ein Problem hat. Und dann hört man, wie diese Stimme gemeine Dinge sagt, die man nicht hören möchte und die einen womöglich dann nicht mehr ruhig schlafen lassen. Als ob man sonst vernünftig schlafen könnte, als ob.

Ich habe einfach Hörbücher gehört, Hörbücher zum Einschlafen, zum Autofahren, Kochen, Putzen… und ich habe wahrlich nichts mehr gehört.

Bis die Magenschmerzen kamen. Morgens schon vor dem Weckerklingeln war ich wach, lag da und fühlte, wie die Magensäure in mir tobt. Und wie die Stimme sagt: „Gleich musst du zur Arbeit. Und es wird schrecklich.“ Klar, ich bin nicht blöd. Ich weiß auch, dass man mit solch einer Erwartungshaltung höchstwahrscheinlich auch einen ganz bescheidenen Arbeitstag haben wird. Selbst wenn der Chef nicht ein eiskalter Hund wäre, der zwischenmenschlich betrachtet davon zehrt, andere mittels Fäkalsprache zu demontieren. Selbst wenn der Stress sich in Grenzen hält.

Ich habe mich oft gefragt, ob zuerst die Magenschmerzen da waren oder aber das schlechte Gefühl, das mir die Magenschmerzen macht. Fakt ist, wäre ich nicht schon mit Magenschmerzen aufgewacht, hätte ich vielleicht auch mal einen positiven Gedanken fassen können. Naja gut, aber so ging ich vor der Arbeit erst einmal fröhlich kotzen, und dann hielt ich den Tag durch. Abends konnte ich nicht mehr abschalten, blubberte meine bessere Hälfte zu über all die Ungerechtigkeiten und Dinge, die mich wütend machen, starrte anschließend auf die Glotze, ohne etwas mitzubekommen. Schließlich dachte ich schon an den nächsten Arbeitstag. Und freitags dachte ich schon an Montag.

Da merkte mein werter Körper dann, dass Magenbeschwerden alleine wohl nicht mehr ausreichen und schickte mir noch Migräne dazu. Jedes einzelne Wochenende. Natürlich am Wochenende, damit ich weiter nachgrübeln kann, wie sehr mir meine Freizeit nicht gegönnt ist und was mich in der kommenden Woche erwartet. Nur weil der Kopf weh tut, kann man leider trotzdem prima denken. Vor allem im Kreis.

Irgendwann reichte es nicht mehr aus mit dem Wochenende, ich hatte jeden dritten Tag Migräne. Und dazu kam noch ein beharrliches Pfeifen im linken Ohr, Schlafstörungen und das Restless-Legs-Syndrom. Abgesehen davon, dass ich mir ständig im Schlaf die Kopfhaut aufkratzte.

Aber selbst das war noch nicht genug. Andere mussten mir erst vor Augen führen, dass es höchste Eisenbahn ist und ich mich ganz dringend aus dem Verkehr ziehen müsse.

Das habe ich dann auch getan. Aber hey, solange die Angst noch in mir ist, werden all diese Wehwehchen auch nicht verschwinden. Ich muss da wohl zur Wurzel allen Übels vorstoßen.

Wie bei vielen anderen auch, lief in meiner Kindheit nicht immer alles rund. Mir ist vollkommen klar, dass ich heute so bin, wie ich bin, weil ich dazu erzogen wurde. Ich möchte aber damit aufhören, ständig mit meinen Eltern zu hadern und sie wegen der Fehler, die sie gemacht haben, anzuklagen. Davon wird es nicht besser und auch Eltern dürfen Fehler machen, sie haben ihr Bestes gegeben.

Gut, ich habe meinen Mechanismus erkannt. Das innere Kind in mir möchte immer noch allen gefallen, keine Fehler machen, geliebt und anerkannt werden, es bockt, wenn jemand Kontra gibt, verzagt und macht sich klein und traut sich nicht mehr, seinen Standpunkt zu vertreten, aus Angst, man könne es nicht mehr lieb haben. Blöd nur, wenn es das bei jedem, wirklich jedem. macht. Denn das führt zu jede Menge Frust und Wut. Hauptsächlich auf sich selbst, dass man sich immer wieder in die Opferrolle drängen lässt. Dass man all die Dinge nicht tut, die man der besten Freundin raten würde. Dass man immer und immer wieder die Faust in der Tasche macht, anstatt sie zu ballen und sie gewissen Leuten symbolisch unter die Nase hält.

Das ist verdammt schön für die anderen, denn die wissen ja, egal was sie von einem wollen, welche Meinung sie auch haben, ich werde beipflichten, ich werde wie stets Ja und Amen sagen. Ich werde nackt Kringel drehend mittags um 12  über die Hauptstraße laufen, wenn sie mir das Gefühl geben, dass ich sonst ihre Gunst verliere. Ungeheuer praktisch, nicht? Zumal ich ja auch nicht ausfallend ihnen gegenüber werde sondern die Schuld nur mir daran geben werde, dass ich unglücklich bin.

Richtig fatal ist es dann, wenn der eigene Chef – wie oben bereits angedeutet – das Maximum aus dir verbal herausprügelt und er statt Lob und Anerkennung zu zollen, mit dir redet, wie andere es nicht einmal besoffen und stoned gleichzeitig in der Kneipe mit einem Krawallbruder tun. Vielleicht schafft man es einmal, die Stimme zu erheben und sich zu wehren. Aber wenn das dann geflissentlich ignoriert wird oder man dafür dann eine Retourkutsche erhält, dann verzagt man. Und bereut auch vielleicht, dass man etwas gesagt hat.

Wenn der Frust dann anhält, werfen einen auch schon einmal Kleinigkeiten aus der Bahn und man flippt regelrecht aus. Bei mir war es der Pizzaboden kürzlich, der partout nicht knusprig werden wollte. Der Blazer, den ich nicht finden konnte, obwohl er vor meiner Nase hing. Oder gestern der wirklich blödsinnige Gedanke, dass ich es nicht schaffe, rechtzeitig zur Konfirmationsfeier bei Freunden angezogen zu sein, dass ich mich verfahre, die Kirche nicht finde, ich dann da garantiert so nötig auf die Toilette muss, dass ich in die Hose mache.

Merkt ihr was? Angst ist ein bisschen wie der Mahlstrom, der immer größer wird und alles verschlingt, was im Umkreis liegt, obwohl es mal als ein kleiner Ministrudel angefangen hat. Und leider hilft das Wissen, dass alles ein bisschen schwachsinnig ist und objektiv betrachtet vermutlich gar nicht eintrifft, absolut nichts.

Aber ich habe gelernt, mir was Nettes zu sagen anstelle von „Sag mal, bist du eigentlich bescheuert?“. Ich sage mir „Ach schau mal an, die kleine Maya meldet sich. Ja, ich weiß, da ist eine Situation, vor der du Angst hast, dass du ihr nicht gewachsen bist. Früher hättest du dafür auch vielleicht Ärger bekommen, vielleicht auch nicht, aber das war deine Taktik. Immer schon. Auf alle Eventualitäten vorbereitet sein wollen, um keinen Fehler zu machen, um umschwenken zu können, wenn du dich anpassen musst. Das ist ganz toll von dir gewesen, diese Taktik zu entwickeln. Aber schau mal, wir sind ja jetzt erwachsen. Und es dürfen auch mal Dinge schief gehen. Dann komme ich eben zu spät in die Kirche. Davon wird die Apokalypse nicht losbrechen, der Pfarrer wird nicht böse mich in seiner Predigt als den Antichristen hinstellen und meine Freunde werden garantiert auch nicht böse sein. Also sei mal ganz entspannt, ich bin jetzt da und ich regel‘ das für uns beide.“

Okay, ich bin ehrlich. Das hätte ich sagen sollen und wollen – wenn ich denn daran gedacht hätte, dass ich mir das sagen kann. Ich habe stattdessen einfach nur gestoffwechselt. Geatmet. Schön tief in den Bauch rein. Und was passiert? Ich werde auch noch ungehalten, weil das keine Wunder bewirkt. Letztendlich habe ich mich erst beruhigt, als alles glatt gelaufen war. Natürlich war ich pünktlich.

Ich sollte anfangen, Dinge mal vor die Wand fahren zu lassen, damit ich merke, dass davon die Welt gar nicht unter geht. So betrachtet ist die Tatsache, dass ich gerade nicht arbeite und zu Hause bin, ein guter Anfang.

 

 

 

Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist.

Licht aus, Spot an und Vorhang auf für – mich.

Ich sitze auf einer leeren Bühne, den Scheinwerfer auf mich gerichtet und bin bereit, dir von mir zu erzählen. Von meinem Leben mit der elenden Angst. Angst, die mich heimtückisch und hinterrücks in den unpassendsten Momenten überfällt, die mich an meinem normalerweise doch recht gesunden Verstand verzweifeln lässt… oftmals dumme, irrationale Angst, die ich mir nicht erklären kann.

Zugegebenermaßen gab es schon einige Erlebnisse in meinem Leben, die mich hätten stutzen lassen müssen, bei denen ich zu der Erkenntnis hätte gelangen können, dass da etwas gewaltig nicht stimmt in meiner Gedankenwelt. Nun habe ich seit 4 Wochen die Diagnose: Angststörung, psychovegetative Erschöpfung, soziale Phobie, Adynamie…

Was? Wer? Ich? Ich habe doch keine soziale Phobie! Von allen meiner Ärztin gestellten Diagnosen war das wohl die Schlimmste. Soziale Phobie. Schwarz auf weiß. Und das bei meinem riesigen Freundes- und Bekanntenkreis, bei meiner einzigartigen Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, ein Netzwerk aufzubauen, Leute mitzureißen und zu begeistern, bei meinen Hobbies, die größtenteils vom Miteinander mit anderen geprägt sind…

Seit 4 Wochen dümple ich nun daheim herum. Wenn man bedenkt, dass der Trigger für meine Angst in meinem Arbeitsumfeld liegt, könnte man meinen, dass ich nun ein herrliches Gammelleben frei von Sorgen im heimischen Wohnzimmer führe – aber denkste. Wäre ja schön, wenn es so einfach wäre. Die Angst ist ständig da… schon morgens nach dem Wachwerden klopft sie an – meist unsanft in die Magengrube: „Hey, da bin ich wieder, hast mich wohl vergessen, was? Wollte dich nur mal daran erinnern, dass du dir heute wieder wegen drölfzig unwahrscheinlicher Szenarien in die Buxe scheißen kannst!“ – und bämm, schon ist der Tag so gut wie gelaufen.

Ich bin noch ganz am Anfang. Und darum habe ich beschlossen, diesen Blog zu schreiben. Vielleicht muss das alles einfach mal raus aus mir, meinem Kopf. Vielleicht kann ich irgendwann zurückschauen und sagen „Ich habe es meisterlich geschafft!“.

Vielleicht bist du  jemand, der sich fragt, was man unter Angststörung versteht und nicht nachvollziehen kann, was einen da aus der Bahn wirft und wie es so weit kommen kann. Ich gebe mein Bestes, dass du es verstehen kannst.

Vielleicht erkennst du dich aber auch hierin und es hilft dir, wenn du siehst, dass du nicht allein bist. Ich wette, es sind jede Menge von uns da draußen. Jede Menge liebe Menschen, die eigentlich ganz normal sind und nicht den Anschein erwecken, nicht alle Latten am Zaun zu haben. Menschen, bei denen die wenigsten aus ihrem Umfeld auf die Idee kommen würden, dass sie an einer psychischen Erkrankung leiden… Ach ja, so soll ich das ja gar nicht nennen, sagt der Herr, der mich ab sofort therapieren wird. Wir nennen es „Veränderungsphase“ – frei nach dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Wollen wir das mal stark hoffen!

Und falls du auch ein Angstpatient bist: Du und ich, wir schaffen das. Was auch immer es ist, vor dem du so Angst hast – wir wissen doch auch ganz genau, dass 99% aller Dinge, die wir uns exzessiv ausmalen, gar nicht eintreffen werden. Und obwohl wir das wissen, drehen wir uns gerne immer weiter in unserem Hamsterrad der fiesen Gedanken. Aber wir schaffen das. Eventuell nur langsam wie eine Schildkröte, möglicherweise gar so langsam, dass wir meinen, wir treten auf der Stelle. Aber es wird etwas passieren. Wir dürfen nur nie vergessen, dass wir wunderbar sind! Mit all unseren Fehlern, die wir uns verzeihen müssen.

Das war es zu meiner Eröffnungsrede. Ich verlasse die virtuelle Bühne nun und werde mich in der Küche an frischen Gambas austoben, die darauf warten, in Knoblauch, Weißwein und frischen Kräutern gebraten zu werden.

Ich weiß nicht, wohin diese Reise führt und ob du dran bleiben wirst. Aber wenn du es bis hierhin geschafft hast, dann danke ich dir und wünsche dir einen schönen Sonntag (völlig ohne Ironie).

 

Herzlichst,

Maya